Augenblick mal! 2011

Deutsche Gastspiele

Für die Zuschauer von heute und für die Bürger von morgen
Sieben Thesen statt eines Vorworts

Das Spezialtheater für Kinder und Jugendliche entwickelt sich zu einem Normaltheater. Für seine weitere künstlerische Entwicklung sind die Erfahrungen des Kinder- und Jugendtheaters unverzichtbar. Theaterkunst für Kinder und Jugendliche braucht die Expertise der Macher über das junge Publikum. Die konzeptionell begründete und auf langjährigen Erfahrungen beruhende Theaterarbeit für Kinder und Jugendliche kann nicht durch einen bloß quantitativen Ausgleich von Vorstellungsangeboten für Kinder und Jugendliche in anderen Sparten ersetzt werden. Kinder- und Jugendtheater ist Kulturelle Bildung. Künstlerische Bildung als Spielart der Kulturellen Bildung hat das Ziel, ästhetische Erfahrungen in der Kunst zu ermöglichen. Die Theaterkunst schafft einen Raum für Erfahrungen jenseits der Alltagswirklichkeit und als Spielart der Künstlerischen Bildung ermöglicht sie es dem Zuschauer, die Welt neu zu sehen. Sie regt die Phantasie an, sie verweist auf zukünftige Erfahrungen und öffnet Handlungsspielräume.

Im Experimentierfeld des Theaters wird die Welt kritisch mit anderen Augen gesehen, werden Werte und Ideen zur Diskussion gestellt und Weltentwürfe erprobt. Das Theater reflektiert die gesellschaftliche Realität und macht Vorschläge für Veränderungen. Gerade die Distanz zur Welt, die künstlerisches Handeln gewährt, ermöglicht dem Menschen einen Blick auf die Welt, auf sich selbst und sein Verhältnis zur Welt. So können Wertvorstellungen ausgebildet und ethische Prinzipien entdeckt werden. Das Kinder- und Jugendtheater ist in Deutschland, vor allem im Zusammenhang mit der Diskussion um Kulturelle Bildung, kulturpolitisch weitestgehend anerkannt. Doch die gesellschaftliche Anerkennung und das Image des Kinder- und Jugendtheaters im Kulturbetrieb sind noch immer nicht seiner ästhetisch-künstlerischen Bedeutung und seiner unbestrittenen gesellschaftlichen Wirksamkeit adäquat. In einem Land, in dem kulturelle Bildung fortwährend als zentrales Element von kultur- und bildungspolitischen Konzepten beschworen wird, begnügen wir uns nicht damit, sondern fordern eine auskömmliche und gleichberechtigte Finanzierung des Theaters für Kinder und Jugendliche. Das Kinder- und Jugendtheater in Deutschland verfügt über weltweit unvergleichliche Ressourcen und Strukturen und ist künstlerisch und formal vielfältig. Wir sind stolz auf diesen Reichtum, auf den unsere Gesellschaft nicht verzichten kann.

Vorwort von Dr. Gerd Taube, Künstlerischer Leiter des 11. Deutschen Kinder- und Jugendtheater-Treffens 'Augenblick mal! 2011' und Leiter des Kinder- und Jugendtheaterzentrums in der Bundesrepublik Deutschland

Plakatmotiv ©  Holger Drees
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