Augenblick mal! 2005

Deutsche Gastspiele

Mit Vergnügen Vernunft verbreiten

Hurra! Es gibt sie noch. Die Kindertheater. Die Jugendtheater. Das carrousel scheint gerettet. Die Berliner Kulturpolitik hat sich eines Besseren belehren lassen. Denn diese Stadt braucht ein Staatstheater für ein junges Publikum. Und eigentlich gehört es als Leuchtturm in den Hauptstadtkulturvertrag. Wenn diese Gesellschaft sich nämlich weiterentwickeln will, muss sie auf eine kluge und kreative junge Generation setzen. Die will gefördert werden und das sollte uns etwas wert sein. In Schule, Ausbildung und Studium zum Beispiel. Theater kann auch Schule sein, siehe bei Benjamin, Kästner, Zuckmayer. Theater kann auch zur Ausbildung beitragen, zur Ausbildung der Sinne, zur Ausbildung von Empathie, zur Ausbildung eines permanenten Diskurses über die Welt, in der wir leben. Theater kann auch Studium sein, ein Studium der Ethnologie, der Soziologie oder der Ästhetik. Das muss immer wieder betont werden. Leider. Denn Kinder- und Jugendtheater ist noch lange nichts Selbstverständliches. Allzu viele schlechte Beispiele verderben den Geschmack, allzu viel Dilettantismus bestätigt die Vorurteile, allzu viele Billigangebote vermiesen den Markt. Wie gut, dass es Festivals gibt, die Qualität zu propagieren wissen. Die mit Bedacht präsentierten Werkschauen in Duisburg, Hildesheim oder Oldenburg, die regionalen Treffen mit anregender Gesprächskultur in Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen oder in Hessen, die internationalen Treffen wie 'Panoptikum' in Nürnberg, 'Schöne Aussicht' in Stuttgart oder 'Augenblick mal!' in Berlin.

Schade allerdings, dass wir nur allzu oft unter uns sind. Kinder und Jugendliche kommen zuhauf, Erwachsene meist nur, wenn sie unmittelbar beteiligt sind. Für Experten sind solche Festivals wichtig, zum Austausch, zur Rückenstärkung, zur Anregung. Wichtig wäre aber auch, die Öffentlichkeit der Eltern, Lehrer und Politiker stärker einzubeziehen. Damit sie lernen, die Spreu vom Weizen zu trennen; damit sie erfahren, was gespielt wird; damit sie sehen, dass Theater für Kinder und Theater für Jugendliche politisch sein kann, aber nicht pädagogisch, eine ästhetische Herausforderung ist und trotzdem unterhaltsam. Hier muss noch viel Public Relation betrieben werden. Beim 8. Deutschen Kinder- und Jugendtheater-Treffen. Oder fast zur gleichen Zeit in Haifa, Ankara oder in Turin. Bemerkenswertes auf die Bühne bringen. Die Darstellende Kunst in jener Dimension demonstrieren, die Augen und Ohr öffnet, Hirn und Herz stimuliert, um mit Vergnügen Vernunft zu verbreiten. Festivals sind Feiertage. Der Alltag sind die freien Gruppen, die Stadt- und Staatstheater, die Landesbühnen, die Privattheater. Und die bedürfen in zunehmendem Maße der kulturpolitischen Absicherung: Konzeptions- statt Projektförderung, erste Sparte statt fünftes Rad am Wagen, allüberall Kindertheaterhäuser.

In Wien wurde unlängst ein solches eröffnet, in Zürich hat man die Konzeption einmal durchgespielt, in London wird demnächst ein privat gefördertes entstehen. In Holon bei Tel Aviv gibt es seit letztem Jahr die Mediatheque, ein Theaterhaus für Kinder mit einer Bibliothek für alle. Wir kennen die bewährten Beispiele aus Bologna, Genf und Poznan. Wir freuen uns über ein Kindertheaterhaus in Hamm, wir erwarten weitere, zum Beispiel in Köln. Wir gratulieren Hamburg und Bochum zur geplanten Einrichtung der Sparte Kinder- und Jugendtheater an ihren Schauspielhäusern. Weiter so! Denn wir brauchen viel mehr Theater. Damit endlich jedes Kind wenigstens zwei Mal im Jahr Theater erleben kann. Und wenn die öffentlichen Mittel nicht reichen, dann müssen sie halt umverteilt werden. In effizientere Strukturen für bessere Qualität. Von Anfang an; im Theater für die Allerkleinsten. Theater für Kinder, Theater mit Jugendlichen. Hurra!

Grußwort von Prof. Dr. Wolfgang Schneider, Vorsitzender der ASSITEJ Deutschland, Präsident der Internationalen Vereinigung des Theaters für Kinder und Jugendliche

Plakatmotiv ©  Robert Voss
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