Augenblick mal! 1995

Deutsche Gastspiele

Anstatt eines Grußwortes

"In meinem Elternhaus hingen keine Gainsboroughs, wurde auch kein Chopin gespielt. Ganz amusisches Gedankenleben. Mein Vater war einmal im Theater gewesen: Wildenbruchs Haubenlerche. Davon zehrten wir, das war alles." Was Gottfried Benn in dem Gedicht 'teilsteils' als häusliches Milieu seiner Kindheit schildert, bildet auch heute für die große Mehrheit der heranwachsenden Generation das Umfeld ihrer Entwicklung. Soziologisch formuliert: Die Familie als primäre Sozialisationsinstanz legt bereits im frühesten Kindesalter die künftigen Lebenschancen fest. Für über 80 Prozent der Kinder verstärkt sich die Benachteiligung noch dadurch, daß die sozialen Bedingungen, unter denen ihre Eltern leben, den Besuch weiterführender Schulen nicht gestatten. So entspricht unser Schul- und Ausbildungssystem weitgehend der Sozialstruktur. Schelskys Feststellung von 1960 überdauerte alle Bildungsreformen: Die Schule ist noch immer die zentrale soziale Dirigierungsstelle, die wesentlich darüber entscheidet, was einer werden kann, was nicht; sie entscheidet über "die künftige soziale Sicherheit", über "den künftigen sozialen Rang", über "das Ausmaß künftiger Konsummöglichkeiten", also auch des Kunst- und Kulturkonsums – und Kunst und Kultur sind entscheidende Faktoren der Persönlichkeitsbildung. Sie beeinflussen die Entwicklung von Wahrnehmung, die wiederum Grundlage menschlicher Erkenntnis und damit der Bewußtseinsbildung und der Verhaltensprägung bildet.

Diese Voraussetzungen von Lebensqualität sind nur dann gegeben, wenn dem Kind frühzeitig die wesentlichen ästhetischen Bereiche erschlossen werden. Denn Ästhetik ist, so hoffte schon Maxim Gorki, die Ethik von morgen. Eine kritische Forderung alternativer Kulturpolitik ist das kulturelle Lernen. Über die Ausbildung aktiver Wahrnehmung mittels kultureller Medien soll der Mensch dazu befähigt werden, sich die ihm angebotenen Fertigkeiten und Informationen zu erwerben und nach Erlangung kultureller und sozialer Kompetenz selbst produktiv zu werden. Kulturelles Lernen als Ergänzung des schulischen Lernens fördert die Lebenserfahrung, die Wahrnehmung der geschichtlichen Dimension, das Wissen um den Wert der eigenen gesellschaftlichen Rolle und schafft die Voraussetzung dafür, daß der Betrachter seine eigene Situation erkennen lernt. Vorbereitung auf Theater ist also eine Aufgabe der ästhetischen Erziehung und der Entfaltung der Fähigkeit, nicht nur Bilder, sondern ästhetisch gestaltete lebendige Bilder in ihrem vollen Gehalt zu erfassen. Dabei sollte Kunst sich als solche nicht aufdringlich zu erkennen geben, damit keine psychologische Sperre entsteht. Zur Entwicklung eines differenzierten Wahrnehmungs- und Urteilsvermögens – einem der Ziele des Bildungsprogramms – kann Theater erheblich beitragen, indem es mit seinen mehrdimensionalen, dichterischen Bildern sinnliches Anschauungsmaterial liefert.

Hilmar Hoffman, Präsident des Goethe-Institus

Plakatmotiv ©  Holger Matthies
amateurfetishist.com