Augenblick mal! 1991

Deutsche Gastspiele

Meine Damen und Herren!

Der Zuschauer – das ist der einzige unanfechtbare Anfang, auf den sich jedes Theater in seiner Kunst stützen muß. Das Theater, das seinen Zuschauer gefunden hat, ist auch in der Lage, seinen Stil zu finden. Das Theater, das sich von seinem Zuschauer trennt, verliert seinen Stil und mit ihm seine Daseinsberechtigung. – Aber wenn jedes Theater nur bei Anwesenheit seines Zuschauers leben kann, so hat auch jede größere gleichaltrige Gruppe das Recht auf das ihm gemäße Theater. Ein solches Recht muß man auch Kindern und Jugendlichen zugestehen. Die Theater, die sich in ihrer Kunst auf den erwachsenen Zuschauer stützen, können nicht das Aufnahmevermögen eines jungen Auditoriums berücksichtigen, für dieses muß ein besonderes Theater für junge Zuschauer organisiert werden. Zuschauer dieses neuen Theaters werden hauptsächlich Schüler sein, weil die Schule engsten Anteil an seiner Organisation hat. Die Verbindung des Theaters für junge Zuschauer mit der Schule muß keineswegs seine künstlerische Natur herabsetzen oder entkräften. Es muß vor allem ein Theater bleiben, aber seine Aufführungen, Werke der Schauspielkunst, müssen in der Lage sein, die Zuschauer zu einer echten Freude am Theater zu begeistern und schöpferisch ihre junge Phantasie zu befruchten. Für die Lösung dieser äußerst schwierigen, aber auch hinreißend interessanten Aufgabe muß ein echtes, starkes und in seiner Kunst bewußtes Ensemble vorhanden sein.

Hier müssen sich Bühnenkünstler, die fähig sind, wie Pädagogen zu denken, mit Pädadogen, die berufen sind, wie Künstler zu fühlen, vereinigen, und gemeinsam müssen sie geistig jung bleiben und müssen selbst aufrichtig mit den Altersgenossen ihrer Zuschauer mitfühlen. Dazu gehört die Kenntnis ihres Lebens und langjährige Erfahrung mit ihren Besonderheiten. Die künftigen Mitarbeiter des Theaters für junge Zuschauer müssen mit ganzer Seele ihr Theater, ihren Zuschauer lieben, ebenso wie sich selbst. Wer das nicht aufrichtig tun kann, darf am Theater für junge Zuschauer nicht arbeiten, weil für Kinder und besonders für Jugendliche nichts widerlicher ist, als ein herablassendes Lächeln des Erwachsenen, der seine Quasi-Überlegenheit zur Schau stellt. Wenn Sie mit Kindern spielen wollen, werden Sie selbst zu Kindern, und das bedeutet: Seien Sie bis zum Ende aufrichtig vor sich selbst. Das Übrige wird sich fügen.

Rede des russischen Theaterleiters Alexander A. Brjanzew zur Einweihung des Leningrader Theaters für junge Zuschauer im September 1921, vorgetragen von der Schauspielerin Nina Lorck-Schierning vom GRIPS Theater anläßlich der Eröffnung des 1. Deutschen Kinder- und Jugendtheatertreffens im April 1991

Plakatmotiv ©  Holger Matthies
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